Sichtweisen und die eine oder andere Erklärung



Bei einem Workshop für WinzerInnen kam eine Frage auf, die sich die Kärntnerin so noch nie gestellt hat.

'Wieso heißt das Weinviertel Weinviertel?'
'Na logisch wegen dem vielen Wein eben. Größte Weinbauregion Österreichs schließlich...'
'Ja, aber warum denn genau Wein-viertel, warum denn nicht Wein-achtel?'
'Ähmm.....'

Eine wirklich gute Frage. So von Außen hat die Kärntnerin die Sache noch gar nicht bedacht. Stimmt ja, wieso sollte eine Region 'Viertel' heißen. Die Erklärung ist natürlich ganz leicht, aber wenn man so mitten drin steckt, dann entgeht einem oft, dass die (für einen selbst) sehr banalen Dinge, gar nicht banal sind, sondern essentiell fürs Verständnis.

Also: für alle, die noch nie etwas davon gehört haben, noch nie hier waren und die sich auch schon mal gefragt haben: 'Weinviertel wtf?'

Das österreichische Bundesland Niederösterreich ist in (eh klar) 4 Viertel unterteilt. Und bei dieser Unterteilung hat man es sich leicht gemacht. Das, was am meisten dort vorkommt, in dieser Region, das durfte Namenspate werden. 
Einmal waren das ein Haufen Bäume (Wald/4), dann Weinreben, soweit das Auge reicht (Wein/4), dann eine erstaunliche Anzahl an Apfel- und Birnbäumen (verarbeitet zu Most/4)  und eine vom Menschen geschaffene Landschaft voller Betriebsamkeit und Fleiß (Betriebsamkeit, Fleiß: lat. industria, Industrie/4).

So, jetzt kennen sich alle aus, oder? 

'Wieso jetzt, ich hab gedacht die ist eine Kärntnerin'? Ist das Weinviertel jetzt nicht in Kärnten? Ja, ist sie auch, nein, ist es nicht. Die ist eine 'Zuagraste', eine Zugereiste, also Zugezogene. Hat der Winzer zu verantworten, der wohnt nämlich schon seit eh und je, samt Weingärten und dem Winzerhaus und den 2 Katzen im Weinviertel, Niederösterreich. Und weil da so eine Kärntnerin aus den Bergen etwas nicht ganz Alltägliches ist, ist die Kärntnerin eben DIE KÄRNTNERIN geworden.

So und um jetzt noch einmal ganz für Verwirrung zu sorgen: Eigentlich wohnen der Winzer und die Kärntnerin im Retzer Land. Das ist quasi die Region in der Region. Weil das Weinviertel eben so groß ist, gibt es da noch einmal eine Unterteilung. Ganz oben im Norden, rund um die (besuchenswerte!) Weinstadt Retz, da findet man das Retzer Land. Das schönste am Weinviertel, aber das darf man jetzt nicht so laut sagen, sonst sind sie beleidigt, die anderen Weinviertler...



0-8-15 oder nicht

Die Kärntnerin schwimmt hin und wieder gern gegen den Strom. Lustig ist, irgendwie traut ihr das keiner zu. 

Was? Das Winzerkind schläft nicht im eigenen Bett? Ehrlich, die Kärntnerin benutzt ein Tragetuch?  Im Winzerhaus wird auch schon einmal vegan gekocht, aber ihr esst doch gern Fleisch, oder? Ach echt, ihr macht euch Gedanken über Selbstversorgung, habt wirklich schon mit Effektiven Mikroorgansimen experimentiert und Brennnesseltee für den Garten gekocht????????

Ja, total überraschte Gesichter, aber nicht verständnislose. Und komisch, aber die Reaktionen sind (fast) durchwegs positiv. Keine gerunzelte Stirn, keine gehobenen Augenbrauen, kein komischer belehrender Unterton in der Stimme. Mehr ehrliches Interesse am warum und wieso.
 
Aber total seltsam. Manche (glücklicherweise nicht alle!!!!), die wirklich alternativ leben, die sich von der 'normalen' Gesellschaft ausgeschlossen fühlen, gegen Konventionen wettern, sich über das Unverständnis von anderen beschweren, ja genau die schaun die Kärntnerin schief an. Warum? Kann man jemanden, der nach außen hin 'normal' wirkt nicht für voll nehmen? 

Kann man alternativ sein, ohne alternativ zu wirken??

Und an was liegt es? Am Aussehen? An der Einstellung? An dem fehlenden Willen, sich nur auf eine Seite zu schlagen und die bis auf die Zähne zu verteidigen??????

Nichts ist der Kärntnerin mehr zuwider als Dogmatismus und Radikalismus, in welcher Form auch immer, nichts kann sie mehr in Rage bringen, als Menschen, die ach so überzeugt sind, von der eigenen Sichtweise der Dinge und die anderen (mit allen Mitteln) überzeugen wollen.

Leben und leben lassen. Das Leben ist zu kurz, sollte man es nicht so führen dürfen, wie es für einen selbst passt?
Und so ist das Leben im Winzerhaus anscheinend für manche irgendwie komisch, weil nicht in eine Schublade zu stecken. Nicht nur modern oder nur altmodisch, irgendwie anders, aber doch wieder normal.

Kostprobe gefällig?

  • Die Kärntnerin probiert schon lange vegane Rezepte, ohne vegan leben zu wollen.

  • Gekocht wird am liebsten selbst und frisch und mit eigenem Gemüse. Doch kann es passieren, dass man den Winzer und die Kärntnerin in der Burgerbude mit dem großen M findet, oder einmal eine Pizza geliefert wird. Ja. Wirklich.

  • Wichtiger als ein biologisches Gütesiegel sind gute, hochwertige, regionale Produkte, aber es wird schon einmal kanadischer Lachs gekauft, oder ein Südamerikanischer Wein, oder... Schuldig im Sinne der Anklage. Falls sich jemand traut das anzuklagen ;)

  • Der Garten ist biologisch, total. Der Weingarten nicht. Warum, dazu ein anderes Mal.

  • Das Winzerkind hat einen Kinderwagen UND ein Tragetuch.

  • Die Kärntnerin interessiert sich für Kräuter und Naturseifen, aber auch für Mode und Einrichtung.

  • Im Bücherregal steht ein Hemingway neben einer Bronte und die wieder neben einem Schundroman. Sachbücher neben Krimis. Naturgärtenbücher neben Genetik- und Mikrobiologiebüchern.


Eigentlich eh ganz normal, oder nicht?

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